Dem Turin Film Festival wohnt eine leise Großzügigkeit inne. Es ist kein Ort der Eile. Es drängt seine Gäste nicht zu Schlagzeilen oder schnellen Formeln. Hier dürfen Worte sich Zeit nehmen, Erinnerungen auftauchen, Gedanken sich verlieren. Kino ist in Turin kein Spektakel, sondern ein Raum des Zuhörens.
Daniel Brühl schien das sofort zu spüren.
Als er beim 43. Torino Film Festival mit dem Premio della Mole ausgezeichnet wurde, sprach er nicht wie jemand, der geehrt wird, sondern wie jemand, der dankbar ist, weiterhin Teil des Kinos sein zu dürfen. Er erzählte von der Demut, die man empfindet, wenn man mit „Legenden des Kinos“ in einem Raum sitzt, und von der Ermutigung, die von Festivals wie diesem ausgeht: weiterzumachen, neugierig zu bleiben, verletzlich zu sein. Zwischen dem Schauspieler und dem Menschen gab es keinen Abstand. Seine Worte kreisten immer wieder um Angst, Verantwortung und Vertrauen.
Ein zentraler Punkt seines Gesprächs war Rush und die Rolle des Niki Lauda, eine Erfahrung, die ihn weit aus seiner Komfortzone geführt hat. Brühl sprach offen über die Furcht, eine lebende Ikone zu verkörpern, über den lähmenden Gedanken, Lauda selbst könne den Film ablehnen. Gerade diese Angst, sagte er, machte Vorbereitung zu einer moralischen Pflicht. Er musste Zeit mit Lauda verbringen, mit ihm sprechen, nicht über Rennen, sondern über Tod, Angst, Eitelkeit. Über das, was bleibt, wenn Ruhm verstummt.
In diesen Momenten wurde deutlich, wie sehr Sprache sein künstlerisches Denken prägt. Aufgewachsen in einer Familie mit spanischen, deutschen und französischen Wurzeln, erlebte er Identität von Anfang an als etwas Bewegliches. Schauspiel wurde für ihn zu einer Fortsetzung dieses Grenzüberschreitens. Sprache ist für Brühl kein technisches Werkzeug, sondern ein emotionaler Schlüssel. Akzente tragen Haltung, Rhythmus, Selbstbewusstsein, sogar Arroganz. Der österreichische Dialekt von Niki Lauda war deshalb kein Detail, sondern der Zugang zur Figur selbst.
Diese Sensibilität zieht sich durch seine gesamte Arbeit. Brühl sprach von seinem Wunsch, in verschiedenen Ländern zu arbeiten, Figuren zu verstehen, bevor sie zu Ikonen wurden, Menschen zu begegnen, bevor sie von der Öffentlichkeit festgelegt waren. Daher auch sein Interesse an Rivalitäten, die zwischen Bewunderung und Ablehnung schwanken, und an Figuren, die aus Widersprüchen bestehen.
Besonders still wurde es, als er über Wolfgang Becker sprach, den Regisseur von Good Bye, Lenin!, der kürzlich verstorben ist. Brühls Stimme veränderte sich. Becker sei nicht nur ein Regisseur gewesen, sondern ein Mentor, fast eine Vaterfigur. Ohne ihn, sagte Brühl, säße er heute vielleicht nicht hier. Der überraschende Erfolg des Films, zuerst außerhalb Deutschlands, in Italien, habe ihnen damals die Kraft des Kinos auf neue Weise vor Augen geführt: ein Kino, das Grenzen überwindet, das Menschen zum Lachen und Weinen bringt, unabhängig von Sprache oder Herkunft.
Immer wieder kehrte Brühl zu einem Gedanken zurück: Offenheit. Er sprach ohne Hierarchien über Popkultur und Autorenkino, über Blockbuster und intime Filme, über Formeln und Originalität. Vorurteile, sagte er, habe er keine, nur den Wunsch nach Ehrlichkeit. Das größte Geschenk sei es, an etwas wirklich Eigenständigem zu arbeiten. An etwas Anstrengendem. An etwas, das einen abends unter der Dusche stehen lässt mit dem Gefühl, alles gegeben zu haben. Ohne Reue.
Dieses Gefühl, alles riskiert zu haben, scheint auch das Turin Film Festival selbst auszuzeichnen. In einer Zeit, die von Geschwindigkeit und Urteilen geprägt ist, bietet Turin etwas Seltenes: Zeit. Zeit zum Nachdenken, zum Zweifeln, zum Erinnern. Daniel Brühl hier zuzuhören, offen und ohne Schutz, macht deutlich: Dieses Festival handelt nicht nur vom Kino.
Es handelt von dem stillen Mut, weiterhin an es zu glauben.
📷: Silvia Bussolino




























